Moll – Musik

Moll. Musik. Was simpel klingt entwickelt ungeahnten Tiefgang. War Lukas Meschiks ehemalige Indie-Band „Filou“ rockiger so ist bei seinem neuen Solo-Projekt Moll dessen Album auf Problembär Records releast wurde, die Akustikgitarre prominenter. Alle Lieder von Meschik geschrieben plus eine drei-köpfige Backing Band im Rücken. Lind und labend ist die Akustikgitarre, wohldosiert spielt die Backingband im Dienste des Lieds.

Die Backing-Band (Sebastian Kierner, Max Janos Payer, Simon Schenk-Mair) lässt Country einfließen (Ich lieb dich ja, ich halt dich nur nicht aus) wo der Bass nicht mit Quantensprüngen aber doch mit Quintensprüngen agiert. Und Funk-Anleihen in Dobra Bay. Die Band spielt über die Albumlänge sehr bildgebend: Ein rückwärts abgespielter Gitarrenpart, wie das verkaterte Zurückerinnern (Der Kater nach dem Sieg). Ein trotzend unlagerfeuriges – weil elektrisches und noch vom Tag sonnenöliges – Gitarrensolo (Lagerfeuerlied). Hier und da backing vocals, meist aber spielt die Band instrumental und überlegt in die Gesangspausen, bevor sie wieder hinter die Wörter rückt.

Die Texte

Der literarische Einfluss in den Texten lässt sich nicht leugnen: Viele deskriptive Adjektive, aber nicht im negativen Sinn. Charaktere werden erschaffen und durch tragikomische Drei-Minuten Plots moonwalken, stolpern und fallen geschickt. Meschiks lyrisches Stilmittel, das sich durch das ganze Album zieht, ist das beiläufige Fallenlassen von selbstironischen Gegenüberstellungen. Gegenüberstellungen mit Augenzwinkern. „Du warst mir viel zu ehrlich / ich dir viel zu schwach“. Und wenn er singt – vom „Held der Übergangenen“ oder „Schutzpatron der Übersehenen“ – lächelt jedes Ohr.

Die Melodien werden durch Meschiks reifere, ausgeprägtere Stimme besser denn je ausgedrückt. Sie passt besser zu den Akustiksongs als es die junge filou Stimme getan hätte. Sie adelt die Schätze des Lebens in ihrer Reichhaltigkeit – vom kastanientragenden Herbstblatt bis zur tröstlichen Donau.

In jenem im 6/8 Takt donauwalzernden Donau so lau dichtet Meschik selbstreflexiv über die Dekaden. Er schöpft dabei aus den Tiefen der Donau und öffnet seine Wortschatztruhe. Wörter wie „dunkelmunkelnd“ oder „auumdöst“ entnimmt er seiner Truhe und präsentiert sie stolz wie ein – nicht abwertend gemeint – erwachsengewordener Filougebliebener.

Literatur-Referenzen und Songwriting-Stil

Literatur-Referenzen gibt es im Lied Die verlorene Zeit nach der Suche nach einem Roman Marcel Prousts. In Was wir uns trauen mit Einbindung Don Juans. Und in Donau so lau wenn Meschik  „die Leute lustwandeln am Frühabendufer“ singt. Vielleicht ein verstecktes Hölderlin Zitat aus dem Roman „Hyperion“, wenngleich hier „das Volk“ zu „die Leute“ modernisiert wird. Oder einfach altdichterische Sprache. Allerdings ist ersteres wahrscheinlicher, da im Filou Lied Nach Zehn eine Liedzeile ebenfalls sichtlich von selbigem Roman inspiriert ist – von der Romanpassage: „Handwerker siehst du, aber keine Menschen. Denker, aber keine Menschen. Priester, aber keine Menschen“.

Viele Songwriter schaffen ihren Alben auch durch einen speziellen Songwriting Stil ihre besondere Nische. Meschik hier durch den eigenen, konsequent durchgezogenen Ansatz der Zurückgelehntheit und Einfachheit im Songwriting. Mehr Zeit zwischen den Akkordwechseln, kein Überhasten der Gesangsmelodie und keine Wendungen in der Songstruktur, sind hier das Motto. Einfache Melodien, auf das nötigste reduziert, ohne präpotent simple Gassenhauer-Melodien zu sein. Melodien, die keine Aufdringlichkeit und Eile zeigen auf ihrem Weg ins Ohr zu wandern, geduldig am Trommelfell anklopfen, und es sich dann im Gehörgang dauerhaft gemütlich machen.

Was entsteht ist Musik die wächst, die man nicht mehr mit den Ohren hört, sondern mit dem Herzen. Auf Musik finden sich viele Gründe warum man Musik hört. Bei Moll: Das Verbindende zwischen Erschaffer und Hörer – nicht im Lauten, Kollektiven, Rockkonzertigen, sondern im Leisen, Persönlichen und Tunnelgrabenden. „Musik“ ist eines der berührendsten Alben heuer.

Einmal gehört würde man das beste Lied Donau so lau dem Album nie wieder nehmen wollen. Aber auch ein anderes Lied herauszuklauben würde diesem Album seinen wundervollen Fluss nehmen. „Diese Stadt am Fluss – wieso nicht am Meer / das ist doch viel schöner, das gibt doch mehr her“ hieß es 2011 wohl donauverdrossen im Filou-Lied Stadt am Fluss.

„Mehr Weg als Ziel, Donau so viel“, resümiert Meschik fast eine Dekade später donaubejahend in Donau so lau. Das Ziel des gelungenen Solo-Projekt-Starts hat er mehr als erreicht. Denn ob Fluss oder Meer – wir dürfen uns freuen auf mehr fließende Musik mit Tiefgang von Moll.

https://www.facebook.com/MollMusik

 

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