Nick Drake – Pink Moon

nickdrakepinkmoon1Nick Drakes finales Album Pink Moon ist, ebenso wie der sich zunehmend zurückziehende Künstler, ein wahres Mysterium. Der Legende nach gab der englische Folkgitarrist das Album wortlos an der Theke seines Plattenlabels Island Records ab. Dort sollte es erst Tage später als sein neuestes Werk identifiziert werden. Nur zwei Jahre später sollte er im Alter von 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva sterben. Heute gilt das Album als zeitlos, er als Genie und als Inbegriff des von psychischer Krankheit geplagten Musikers.

Bryter Layter, das Vorgängeralbum zu Pink Moon, hatte ihm nicht den erhofften Durchbruch gebracht. Es war vielschichtig instrumentiert – sein geniales Gitarrenspiel ertrank praktisch im Meer der Streicher. Pink Moon sollte anders werden. Aufgenommen an bloß zwei Oktobernächten 1971 ist es das direkteste und ehrlichste Werk Drakes. Es beruht, abgesehn von einer kurzen Klaviermelodie im Titeltrack, zur Gänze auf Gitarre und Gesang. Die Songs stehen in der englischen Folk Tradition um Bert Jansch und John Martyn. Blueseinflüsse sind in Road und Know hörbar. Der jazzige Sound von Bryter Layter ist Geschichte. Durch seine berühmten alternativen Gitarrentunings, mit denen er schon als blutiger Gitarrenanfänger experimentierte, und sein einzigartiges Fingerpickingspiel, gleicht kein Lied dem andern.

Wenngleich das Album mit siebenundzwanzig Minuten relativ kurz ist, fühlt es sich wie ein in sich geschlossenes Werk an, nimmt den Hörer auf eine Reise. Eine Reise auf der Drake einmal mehr seinen tollen Umgang mit Naturmetaphern und -symbolen zeigt.

„I was green greener than the hill / where flowers grew and sun shone still / now I’m darker than the deepest sea / just hand me down give me a place to be“, reflektiert Drake mit fragiler Stimme in Place to Be. Die Texte sind sehr weitläufig geschrieben, lassen viel Raum für eigene Interpretationen.
So auch das resignierende Road „you can take the road that takes you to the stars / I can take the road that will see me through“. Weitere große Themen sind Hoffnung (Which Will) Verzweiflung (Know), Erniedrigung/Isolation (Parasite), Sehnsucht (Free Ride). Mit letzteren dreien wendet sich das Album zum Düsteren.
Nick Drake verarbeitet diese Fülle und Mischung und Intensität an Gefühlen so perfekt und variantenreich in sein akustisches Gitarrenspiel, wie es einst nur Schubert auf seinem Winterreise Klavierzyklus gelang.

In Harvest Breed befindet sich das lyrische Ich gar nur mehr im freien Fall. Doch Pink Moon ist kein Album über den Tod. Die ersten Töne und Zeilen des unschuldigen, lebensbejahenden From the Morning erklingen und es wird klar – Die Wiederauferstehung ist vollbracht. „and now we rise / and we are everywhere“, wie es auf Drakes Grabstein in Tanworth-in-Arden auf Ewigkeit eingraviert ist.

10/10

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