I’m a Sloth unplugged @ Galerie Sandpeck: Stromlos gegen den Mainstream

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(c) Copyright Galerie Sandpeck

In der Finissage von Musiker und Künstler Bernhard Drexlers erster Ausstellung „Ich bin ein Faultier“ (engl.: I’m a Sloth) in der Galerie Sandpeck in der Florianigasse 75 von 14. bis 20. September gab es, passend zum musikalischen Grundthema der Ausstellung ein Abschluss-Konzert seiner Band I’m a Sloth.

Die Grunge-Welt, sie sank Mitte der Neunziger mit Cobains Tod. Ein ikonenloses Vierteljahrhundert später, geht die Welt in Wien wieder auf. In den vielen Club-Konzerten, wo I’m a Sloth, die Grunge-Erben Wiens, als lautstarkes Grunge-Trio spielen. Ein Trio, das keinen Hehl aus seiner Verehrung von Nirvana und Hole macht, aber auch den Blues stark einfließen lässt. Heute spielen sie unplugged in der tranquilen Josefstädter Galerie Sandpeck.

Immer mehr Menschen schwärmten gegen 19 Uhr mit staunenden Augen in die weltoffenen Tore der Galerie Sandpeck. Zu Trank und Wort und Bild. Drexler zeichnet seit Jahren Konzertposter, designt Albencover für Bands und illustrierte ein ganzes Stop-Motion Musikvideo zum Song Titanic.

Man spürt in seinen Kunstformen – dem ehrlichen Grunge und Blues und seinen Zeichnungen – keine Spur eines Verbiegens oder Unauthenzität. Ein Nieaufgeben der künstlereigenen Ursprungsideale. Man schwimmt gegen den Mainstream bis man ans Ziel gelangt. Oder spielt, wie beim heutigen unplugged Set, mit stromloser Akustik-Gitarre gegen den Mainstream.

Die Bluesformigkeit

Im großen Ausstellungsraum begannen Bernhard Drexler (Akustikgitarre), Flora Ska (E-Bass) und Valentin Barta (Cajon) gegen 19:30 ihr Konzert. Das Publikum, sitzend und stehend, lauschte der leisen Verspieltheit und Bluesformigkeit des Songs Bloody Stupid Bio-Machine. Der Opener vom aktuellen Album Bosom, drei Genres in einem – Blues, Grunge, Psychedelia mit jazzigem Schlagzeug – dient auch unplugged als Opener. Er wird bald lauter, nicht ganz so intensiv wie am Album, aber funktioniert auch gut ohne den Pedal-Tritt ins laute, stark verzerrte Grunge-Inferno, wie man es von den großen, elektrischen Live-Auftritten kennt.

Das Gitarrensolo gestaltet sich, ebenfalls aus unplugged Setting-Gründen, nicht so psychedelisch wie am Album, doch der Song an sich brilliert. Ein paar Blues-Chorusse, eine Gesangsmelodie die der Gitarrenmelodie folgt, ein Gitarrensolo dazwischen, und alles wesentliche ist gesagt und die Welt angeklagt.

Drexlers Gesang wird mit den Jahren immer warmklingender, immer lässiger. Und Bassistin Flora Ska singt wie eine Mischung aus Courtney Love und Kim Gordon von Sonic Youth. Sie setzt mit Jumpstart your Memory fort und das abwechslungbringende Aufteilen der lead vocals auf die Songs wird gleich mit dem zweiten Song ausgespielt. Die Stärke, die die Band von vielen anderen abhebt.

Der dritte Song: Paul, ein Song über das verstorbene Haustier, über das „natürlich ein Song geschrieben werden muss“. Ein Pendeln zwischen Nostalgie und Leere – ausgedrückt in offenen, leersaitigen Akkorden. Dann der Refrain. Noch intensiver wird in die Saiten gedroschen. Ein Pendeln in noch größerem Intervall mit langgezogenem Gesang zwischen Sehnsucht und Ernüchterung.

Im Song Titanic werden gegenwärtige und vergangene Missstände der untergehenden Welt besungen: Homophobie, Kinderarbeit, Weltwirtschaftskrise, Sklaverei. Die markerschütternden screams werden unplugged ausgespart. In den Refrains wird es trotzdem erstmals so richtig laut und intensiv. Der Raum erbebt förmlich. Gesangshook und Gitarrenriff, die kreisend ineinandergreifen, schwirren über den Köpfen der Sitzenden wie ein Satellit. Der lauteste und ausdrucksstärkste Moment des Sets. Ein früher Stimmungshöhepunkt.

Ausschnitte des obigen, aufwändigen Stop-Motion Zeichnungsvideos sind an der Wand ausgestellt. Es war die erste Auskopplung des 2017er Albums Bosom.

Generell enthält das Set viele Blues-Einflüsse: der Song Jaded Measures 1941 shuffled wunderbar gemächlich und authentischer als ein moderner blaufärbiger Ipod shuffle. Und auch die Slide-Gitarrenmeisterschaft I Lost my Sense of Time rutscht in ältere Zeiten zurück. Der Blues, ein Genre, das die Band mit den Jahren immer mehr, und neben dem Grunge am stärksten prägt. Der Blues-Einfluss wird laut Aussagen der Band auch in ihren zukünftigen Werken nicht weichen.

Das Set war sehr abwechslungsreich mit seinen Gesangswechseln, Genre-Wechseln, Tempo-Wechseln. Und dann stand auch ein Instrumentenwechsel an: Die Ukulele wird herrausgeholt und Flora Ska beschenkte das Publikum mit einer Darbietung des Songs I Used to be So Cool. Doch der Gig ist noch nicht zu Ende, ein fulminantes Finale folgt:

„Ein Cover aus den 80ern und eines aus den 60ern“, komme noch kündigt Drexler an. Ersteres ist das legendäre Where is my Mind? von den Pixies, die geisterhaften backing vocals werden von Flora Ska kühl ins Mikrofon gespenstert. Das Publikum ist begeistert.

Eine besondere Note

Mit einem Song, den er immer schon liebte, wie er meinte, verblüffte er das Publikum. Eine Version von Itchycoo Park der Small Faces auf zwei Ukulelen uminstrumentiert. Im Refrain mit jovialem Wechselgesang. Damit verlieh man dem besonderen Set, an diesem ewigen Spätseptemberabend noch eine besonders denkwürdige Note. Danach setzte es den fünf-Minuten raserischen, getriebenen Klassiker vom ersten Album Satisfashion Viva La Muerte als Zugabe.

Von der Genrevielfalt und -mischung lebte das zwölf Songs umfassende Set. Und wenn man Zweifel hegte, wie Sloth-Songs unplugged funktionieren – wurden diese ausgeräumt. Die Blues-Teile der Sloth-Songs, aber auch die am Album lärmigen Grunge-Teile überzeugten auch dann noch, wenn man ihnen den Starkstrom nahm. Vor allem Titanic erwies sich mit seinem Ineinandergreifen der wiederholt ansteckenden, kreisenden und unverkennbaren Gesangsmelodiehook und dem kreisenden Gitarrenriff als stark geschriebener Song.

Jene Auftritte im kleinen Rahmen, die sie unter anderem bereits im „Schallter“-Plattengeschäft zum Record Store Day zelebrierten, stehen der Band. Und wer will kann die Band natürlich bald wieder elektrisch und in der Grunge-Härte erleben. Zum Beispiel am 19. Oktober in Krems.

Wenn die Gitarren, die Bässe, die wuchtig zerprügelten Drums wieder laut werden und eine Zeitreise in die 90er anstimmen.

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