Kurt Cobain Tribute zum 24. Todestag @ The Loft: Haarig und Gitarrig

Das Kurt Cobain Tribute, das heuer in der Gürtel-Location Loft stattfand, ist mittlerweile ein wahres Generationentreffen geworden.

Manch älterer Wiener meint wohl der Grunge sei bloß ein Liedgut, gefüllt mit adoleszenter Triebwut, denkt in kleinkarierter Art über großkarierte Flanellhemden. Doch wird die Ursprungs-Cobain-Fanschar der 90er langsam älter; doch haben Nirvana in so kurzer Zeit mit allen Compilations, EPs und B-Sides inkludiert, einen beeindruckend umfangreichen Backkatalog hinterlassen; doch war die Geburt des Seattle-Sounds von entscheidender, musikhistorischer Bedeutung.

Im jungen Alter entdeckt und auch danach nie den Rücken gekehrt – das hat auch der ewige Nirvana-Fan und noch-immer-nicht-zu-Ende-gefeiert-habende David Jerina – DJ und Veranstalter des Events von (VIENNAs FIRST) 90ies CLUB. Für die Musikerauswahl zeichnet sich auch heuer wieder der in der Szene umtriebige Musiker David Hebenstreit aka. Sir Tralala verantwortlich.

Hier am Wiener Gürtel wollte man dem auch in den höchsten Höhen des Erfolges bodenständig gebliebenen Kurt Cobain wieder ein lautstark schallendes Denkmal bauen.

das „The Loft“ am Wiener Gürtel

Waren letztes Jahr acht Bands im Programm, so beschränkte man sich heuer auf vier Bands SAMT, Everyone’s Prostitute, The Black Bones und I’m a Sloth und gewährte damit jeder Band einen etwas längeren Slot.

Mit SAMT, der einzigen neuen Band im Line-Up begann es aber wie letztes Jahr ein wenig ausgefallener und poppiger. Man wollte den Abend noch nicht verschreien. Diesmal war es auf Keyboard und Schlagzeug reduzierter Noise-Pop. SAMT ist eine deutschsprachige Band, Ende 2016 gegründet, mit Stefan Geißler am Keyboard und Minki Mumu am Schlagzeug, beide jeweils am Leadgesang.

Die Nirvana Songs wurden eingedeutscht und so wurde der Opener Serve the Servants gleich zu „Dients den Bedienten“. Kühl glitzerten die bläulich-türkisen Lichter an der Decke im niederen Keller des Loft, kühl glitzerten auch die Keyboard-Sounds. Sie erwiesen sich als klangfarbiger als die bratzenden Power-Chords auf der E-Gitarre. Auch der Doppelgesang tat den Songs generell gut, einzig in dem ersten original-englischsprachig gesungenen Cover Drain You klangen die Gesangsharmonien leider etwas unharmonisch.

SAMT-Sänger und Keyboarder Stefan Geißler in akribischer Arbeitshaltung

Mit viel Einfallsreichtum ging man also ans Werk, unter anderem wurde The Man Who Sold the World erfolgreich eingedeutscht.

Zur Begeisterung des Publikums holte Geißler für den Setcloser Where Did You Sleep Last Night die Mundharmonika hervor. Eine Mundharmonika kommt weder in Kurt Cobains Version, noch in Mark Lanegans Version, noch in Leadbellys Originalinterpretation des traditionellen Songs zum Einsatz. Sie fügte sich sehr stimmig ein und rundete den Auftritt ab.

Gesprächsfetzen flogen durch die loftige Kellerluft, durch den länglichen Quader-förmigen Keller, an dessen Ende sich die Bühne befand. Noch war die Luft locker und unbeschwert… doch nur wenig später sollte diese trügerische Unbeschwertheit von den ersten heruntergestimmten, stark verzerrten und lauten Gitarren von Everyone’s Prostitute und den markerschütternden Schreien ihres Sängers gebrochen werden.

Der schreigewaltige Sänger von Everyone’s Prostitute

Funken sprangen von den turmhohen Verstärkern auf das Publikum über, das Feedback heulte auf es wurde mit dem Opener School erstmals laut, und die Menge begann zu wogen und zu toben. Die Luft war elektrisch aufgeladen. Der Seattle-Sound lebte und bebte. Die raue Stimme des Sängers ähnelte dem Schreiorgan Cobains und war eine echte Bereicherung für den Abend.

Everyone’s Prostitute hatten sich vor allem das Album Bleach vorgenommen, als Vier-Mann-Band mit der Klanggewalt zweier Gitarren.

Urplötzlich teilte sich dann die Menge längs und hindurch zur Bühne wird im Rollstuhl und Perücke ein Kurt-Doppelgänger zur Bühne gefahren, natürlich eine Anspielung auf den legendären Live-Einstieg beim Reading Gig Nirvanas 1992. Er hatte sich mit Gitarre aufgerrichtet. Und plötzlich waren es ganze drei Gitarren die gemeinsam Aneurysm, Breed und Love Buzz aus den Boxen bretterten.

In den Pausen wurde die alljährliche Tombola angerührt, David Jerina und Sir Tralala scherzten heiter, das Publikum suchte sein Glück und suchte verzweifelt das Gewinnlos, doch wurde meist das Pech nicht los.

Und dann war nach einem Kurzauftritt Sir Tralalas auch schon das volle Dreiergespann The Black Bones auf der Bühne und bereit.

Mit dem blitzschnellen Breed und Drain You wurde das Set fulminant losgestoßen. Es folgte ein Song für Song hervorragend ineinander übergehendes, perfekt fließendes Set. Sappy gab es zu hören und Heart Shaped Box, das im Refrain zum Mitschreien animierte.

Moritz Kristmann von The Black Bones gänzlich in seinem Element

Wie letztes Jahr wurden der raue Gesangsstil Kurt Cobains von Moritz Kristmann clean gesungen. Für das schreiige zeichnete sich dann wieder Bassist Elias Kristmann verantwortlich und schlüpfte für Tourette’s dankbar in die neue Rolle hinter dem Mikrofon. Das umherwütende Stay Away gab es u. a. noch zu hören und das superschnelle Territorial Pissings kam zum Abschluss. Die beiden Songs klangen live wuchtiger und kantiger als auf der Nevermind-Platte. Der Auftritt der Black Bones war leidenschaftlich, rast- und ruhelos und man hatte das Gefühl die Band hat noch an Kleinigkeiten geschraubt und das ohnehin schon sehr gute Set aus dem Vorjahr noch ergänzt und vollends perfektioniert.

Jeden 5. April schreit es aus solchen härteren Darbietungen förmlich nach einem Grunge-Revival, oft wurde es schon angekündigt, stattgefunden hat es noch nicht.

I’m a Sloth, der neueste Schrei des Wiener Grunge, waren zum dritten Mal in Folge am Tribute zu Gast und haben sich den Headliner-Status verdient erspielt, ihr Set begann um dreiundzwanzig Uhr dreißig.

Mit Radio Friendly Unit Shifter als Opener ließen sie eine Sturmwarnung für das darauffolgende Songspektakel los. Darauf brach aber mit  Mr. Moustache der donnergrollende, tiefschwarze Sturm los. Besonderes Highlight war außerdem Polly in der Vollbandversion.

Spät im Abend aber doch erklang dann Smells Like Teen Spirit als würdiger Set-Closer, die hervorragende melodiöse Strophe durch Skas Stimme noch besser zur Geltung gebracht wurde bevor Drexler einstieg und der Refrain im Doppelgesang die doppelte Kraft entfaltete.

Das Set war haarig und gitarrig. Drexler schüttelte oft wild sein Haupthaar, spielte seine Gitarre ab und zu gar in Hendrixscher Manier hinter dem Rücken.

Als Zugabe wuchtete Scentless Apprentice alles aus dem Weg. Schlagzeuger Valentin Barta prügelte so unerbittlich auf sein Schlagzeug ein wie einst Dave Grohl.

Und auf In Bloom folgte zum Abschluss das pfeilschnelle Territorial Pissings.

Trat man nun aus der Loft-Luft wieder hinaus an den Gürtel, so war der Aprilabend in die Aprilnacht übergegangen. Klar und ruhig war die Nachtluft und voll seliger Legendenandacht.

Mit Cobains Erbe war man sorgsam umgegangen. Es klang es roh, laut und ehrlich. Die Gitarren waren laut, das Publikum ebenso. Ein wildes, durchmischtes, moshendes Publikum weckte Erinnerungen was das Phänomen der Grunge-Konzerte einst ausmachte. Man merkte es ging um die pure Leidenschaft hinter dem Musikmachen und Konzertespielen und um gar nichts anderes. Band und Publikum waren eins.

Und das Wiener Denkmal, das SAMT, Everyone’s Prostitute, The Black Bones und I’m a Sloth an diesem 5. Aprilabend im Loft mit den turmhohen Verstärkern erbaut hatten, war laut.. sehr laut… und in seinen lautesten Momenten schallte es wohl auch durch die Straßen Seattles.

 

Kurt Donald Cobain (1967 – 1994)

 


SAMT

Everyone’s Prostitute

The Black Bones

I’m a Sloth

David Hebenstreit aka. Sir Tralala

DJ David Jerina

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