
Michael J. Keplinger veröffentlichte heuer die Visual EP „The Words at Play“, deren Idee in einem Flugzeug entstand. Musikalisch bewegt er sich zwischen atmosphärischem Art-Rock und introspektivem Songwriting. Im Mail-Interview erzählt er über die Entstehung seiner Songs und der EP, seine Inspirationen, den Beatles und David Gilmour, und seine Zeit in den legendären Abbey Road Studios in London.
Klangskizzerei: Wie kamst du zur Musik?
Michael J. Keplinger: Musik war schon in meiner Kindheit allgegenwärtig. Mein Vater hat früher in Hochzeitsbands gespielt, um sich sein Studium zu finanzieren. Als ich auf die Welt kam, war diese Zeit zwar schon vorbei, aber eine Gitarre war trotzdem immer in Reichweite. Manchmal saßen wir gemeinsam im Wohnzimmer und sangen Lieder aus seiner Liedermappe.
Rückblickend glaube ich, dass alles, was ich heute mache, eine Fortsetzung dieser Momente ist.
Welcher Musiker hat dein Leben verändert und wie?
Wenn ich einen einzelnen Musiker ganz an die Spitze setzen müsste, wäre es Paul McCartney. Nicht nur wegen der unglaublichen Fülle an Musik, die er uns bis heute schenkt, sondern auch wegen der Leichtigkeit in seiner Haltung: Ich zitiere gerne eine Szene aus Sound City, dem Dokumentarfilm, in der die überlebenden Nirvana-Mitglieder mit McCartney im Studio stehen. Nach einer Aufnahme fragt Dave Grohl mit einem Lächeln, warum es nicht immer so einfach sein könne. McCartney antwortet mit den perfekten zwei Worten: It is.
Dieser Austausch ist für mich fast eine Art Mantra. Wenn ich merke, dass ich etwas zu sehr verdenke oder nicht weiterweiß, mache ich einen Schritt zurück und erinnere mich daran.
Wie entstand die Idee für deine Visual EP The Words At Play?
Am Anfang stand der Titelsong The Words At Play, den ich auf einem Flug nach London geschrieben habe. Daraus entwickelte sich bald die restliche EP. Als sich die Arbeit daran dem Ende näherte, wusste ich bereits, dass ich zu einem der Stücke ein Musikvideo drehen wollte. Aber dann war da diese Stimme in meinem Kopf: Warum nicht gleich fünf? Da war es eigentlich schon entschieden.
Die für mich so spannende Frage war, wie man die Visual EP so gestalten könnte, dass sie sowohl als großes Ganzes als auch in einzelnen Kapiteln funktioniert, ohne dabei die Musik an irgendeiner Stelle zu untergraben.
Wie viel vom Titeltrack The Words at Play entstand noch im Flugzeug als Idee und wie viel zuhause?
Das meiste war tatsächlich schon da, als wir landeten.
Normalerweise höre ich im Flugzeug oder im Zug Musik, aber diesmal hatte ich diese Akkordfolge im Kopf, die mich nicht mehr losließ. Wie ein Ohrwurm eines Liedes, das es aber noch nicht gab. Ich habe es dann Stück für Stück im Kopf ausgearbeitet. Es ist wahrscheinlich auch den Umständen geschuldet, dass das ganze Lied im Grunde aus nur zwei Akkordzyklen besteht. Dass ich mir alles merken musste, hat sicherlich geholfen, das Lied auf das Wesentliche zu reduzieren.
Bei den Aufnahmen habe ich natürlich noch an vielen Details gefeilt, und auch am Text hat sich zuhause noch einiges getan. Der musikalische und emotionale Kern des Stücks war aber im
Flugzeug schon vorhanden. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen eine Idee beinahe vollständig ausgeformt daherkommt.
Was liebst du am Mellotron, das du in den Track eingebaut hast?
Das Mellotron hat eine ganz einzigartige Klangfarbe. Heute denken wir dabei natürlich vor allem an Strawberry Fields Forever oder vielleicht King Crimson.
Es ist schwer zu sagen, woran es genau liegt, aber diese luftigen Flöten oder Streicher in Kombination mit dem eiernden Tonbandklang wecken etwas unbeschreiblich Nostalgisches und Geheimnisvolles. Obendrein fügt sich ein Mellotron sehr angenehm in einen Mix ein. Es kann leise zwischen den Instrumenten sitzen und trotzdem alles dezent einfärben.
Wie entstand der Song Ember?
Ember war der erste Schritt vom einzelnen Song The Words At Play hin zur EP. Ursprünglich hatte ich eine vage Idee für eine potenzielle B-Seite. Sie sollte sehr ruhig und meditativ sein.
Im Gegensatz zu The Words At Play hat Ember aber deutlich länger gebraucht und irgendwann wusste ich nicht mehr weiter. Dann kam der unsinnige Gedanke: Was wäre, wenn ich dieses unaufgeregte Lied mit einem Schlagzeug zudecke?
Das war der entscheidende Moment. Plötzlich hat alles neuen Schwung aufgenommen. Wie von selbst entstanden neue Bridge- und Solo-Teile, und letztlich wurde aus Ember der emotionale Höhepunkt der EP.
Wovon sind deine Texte inspiriert?
Manchmal inspiriert ein bestimmter Moment ein Musikstück auf sehr direkte Weise. In anderen Fällen schreibt man etwas und blickt Jahre später wie ein Außenstehender zurück und erkennt, was es damit eigentlich auf sich hatte. Manchmal stellt man auch fest, dass man etwas vorweggenommen hat, das man zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst formulieren konnte.
Wahrscheinlich fließt alles, was unser Unterbewusstsein irgendwie beeinflusst, in die Musik ein, die wir kreieren. Ich verstehe diesen Prozess selbst nicht vollständig, will das aber auch nicht unbedingt. Songwriting ist dieser mystische Prozess zwischen Intuition und Handwerk. Die Intuition gibt die Richtung vor, und das musikalische Handwerk hilft dabei, die Idee auszuarbeiten.
Ich versuche bewusst, zunächst meiner Intuition zu vertrauen und mir zu erlauben, Dinge erst später zu verstehen.
Was inspiriert dich an David Gilmours Musik?
Ich erinnere mich nicht mehr an das genaue Zitat, aber Nick Cave hat einmal sinngemäß gemeint, dass David Gilmour genau so Gitarre spielt, wie er singt, und umgekehrt. Ich finde, das trifft es ziemlich gut. David Gilmour versteht es, einer Phrase Gewicht zu verleihen, indem er etwas wegnimmt, anstatt etwas zu ergänzen. Das ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Dinge, die man in der Musik lernen kann.
Welche Instrumente hast du auf der EP eingespielt?
Akustik- und E-Gitarren, Bässe, Keyboards, Percussion, Lead- und Hintergrundgesang. Hin und wieder kommen etwa eine Ukulele, eine Kalimba oder andere Instrumente zum Einsatz – was auch immer ich mir in dem Moment einbilde, dass die Klangtextur unbedingt noch braucht.
So viel also zum Weglassen statt Ergänzen. Man hört: Das lerne ich noch.
Im Grunde ist das einfach eine Fortsetzung dessen, wie ich als Kind angefangen habe, Musik zu machen. Ich habe im Keller mit dem Laptop meiner Mutter meine ersten Lieder aufgenommen. Wenn ich etwas in der Aufnahme haben wollte, musste ich herausfinden, wie ich es selbst einspielen konnte. Ausgehend von der Gitarre habe ich mich vorgetastet. Im Prinzip arbeite ich bis heute nicht anders.
Man hat beim Hören das Gefühl, als wäre man mittendrin – wie kamst du zu dem räumlichen Sounderlebnis?
Zunächst einmal vielen Dank! Es freut mich sehr, wenn meine Musik so wahrgenommen wird.
Ich mochte schon immer Alben, die ein ganz eigenes Raumgefühl haben. Mich reizen filmisch anmutende Klangtexturen und vielschichtige Arrangements einfach, weil sich damit eine weitere Ebene eröffnet, auf der man eine Geschichte erzählen kann. Gleichzeitig ist mir bewusst, wie schnell zu viel Komplexität vom emotionalen Kern eines Stücks ablenken kann. Letztlich muss ich auch hier meiner Intuition folgen und eine Balance finden, die sich richtig anfühlt.
Worauf hast du darüber hinaus besonderen Wert gelegt, damit die EP klingt, wie sie klingt?
Besonders wichtig war mir die Beziehung zwischen den Tracks.
Ich wollte, dass sich die EP wie eine zusammenhängende Erzählung anfühlt statt wie eine Sammlung unabhängiger Musikstücke. Von einem Track zum nächsten wandeln sich Stimmung und Klangwelt ganz bewusst. Jedes Stück hat seine eigene Persönlichkeit, erfüllt aber gleichzeitig eine Funktion innerhalb des großen Ganzen.
Wie ergab sich die Gelegenheit zum Mastering in den Abbey Road Studios?
Eigentlich war es meine Freundin, die die Idee zuerst formuliert hat. Ich hatte ihr vom Lebenstraum erzählt, einmal in den Abbey Road Studios an meiner Musik zu arbeiten. Daraufhin fragte sie, warum ich nicht einfach eine Session buche. Zunächst erschien mir das fast blasphemisch. Aber wie so oft hatte sie natürlich recht. Also buchte ich eine Mastering-Session. Die Qualität der Arbeit hat mich überwältigt, wenn auch nicht im Geringsten überrascht.
Ich war inzwischen ein paar Mal dort und habe mir die Studios gewissermaßen zu einer persönlichen Messlatte gemacht. Was ich dort mastern lasse, muss dem Anlass auch gerecht werden.
Warst du auch persönlich dort – wie war es für dich in den legendären Räumlichkeiten?
Ja, war ich! Es ist schon etwas ganz Besonderes, an einem Ort zu sein, an dem so viel Musikgeschichte geschrieben wurde. Ich kann es wahrscheinlich nicht besser erklären, als zu sagen, es fühlt sich genau so monumental an, wie man es sich vorstellt.
Als ich die Studios nach getaner Arbeit verließ, setzte ich mich zuallererst mit einem Kaffee auf eine Parkbank und rief meinen Vater an. Ihm verdanke ich meine Liebe zur Musik, und er ist wahrscheinlich der einzige Mensch, den ich kenne, der ein noch größerer Beatles-Fan ist als ich. Ich konnte es kaum erwarten, ihm sämtliche Details zu erzählen.
Diesen Moment werde ich nie vergessen.
Welche Rolle spielt das Abbey Road Album der Beatles für dich persönlich?
Abbey Road ist vielleicht mein liebstes Album überhaupt. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders ausdrücken soll: Es ist das perfekte Album.
Mein Paradebeispiel ist Come Together. Am Anfang steht eine einfache Songidee von John Lennon: Ein Rock ’n’ Roll-Song, angelehnt an Chuck Berry, mit dem Twist, dass im Refrain das tonale Zentrum wechselt, was für das Genre untypisch ist. Dann fügt Paul McCartney einen Bass hinzu, auf den kein Bassist bei klarem Verstand jemals käme. Dazu kommt Ringo Starr mit einem Schlagzeugpart, den gleichermaßen kein Schlagzeuger bei klarem Verstand jemals für einen Chuck-Berry-artigen Song schreiben würde. Aber beide heben Come Together damit auf eine ganz neue Ebene.
Und schließlich ist da George Harrison. Vielleicht das beste Beispiel für Zurückhaltung bei einem Gitarrensolo. Man möchte, dass es regelrecht explodiert, aber Harrison gibt uns stattdessen diese perfekt dosierten, geschmackvollen Bendings.
Der perfekte Song. Und dann ist das aber erst Track 1…
Wie wirst du die EP bei den kommenden Konzerten live umsetzen?
Ganz ehrlich: mit ziemlich vielen Neuarrangements. Das Problem üppiger Studioarrangements ist natürlich, dass man es sich als Newcomer kaum leisten kann, eine große Band und vielleicht noch einen Chor mit auf die Bühne zu nehmen. Ich will das aber weniger als Problem sehen und mehr als nächste spannende Aufgabe. Es macht Spaß, zu sehen, wie diese Songs eine neue Gestalt annehmen, wenn sie vom Studio auf die Bühne wandern.
Was bedeutet es dir, Musik zu machen?
Was mich an Musik wahrscheinlich am meisten fasziniert, ist, dass sie die wohl abstrakteste aller Kunstformen ist. Sie kann völlig frei von Form und Gestalt existieren. Man hört einen Klang oder eine Akkordfolge, und schon löst sie etwas aus. Und das mit unvergleichlicher Unmittelbarkeit. Es braucht keinen größeren Kontext, kein Vorwissen und keine Handlung. Sie spricht die Intuition an, nicht den Intellekt. Und zwar so sehr wie vielleicht keine andere Kunstform.
Diese Intuition ist es auch, die einen beim Schreiben leitet. In meiner Erfahrung stehe ich mir umso mehr selbst im Weg, je mehr ich versuche, etwas zu erzwingen. Cat Stevens singt: I listen to my words but they fall far below, I let my music take me where my heart wants to go. Das mag isoliert etwas kitschig klingen, aber für mich trifft es den Nagel auf den Kopf.
Es ist etwas unbeschreiblich Schönes, Ehrliches und zutiefst Menschliches, wie Musik etwas in uns auslöst.
Danke für das Interview!
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