I’m a Sloth – Bosom

Fast ein Vierteljahrhundert nachdem der Generationenschrei des Grunge Mitte der Neunziger verhallt war, wird das lange verklungen geglaubte Genre vom Wiener Trio I’m a Sloth aufgegriffen, neuinterpretiert und wiederbelebt.

Bernhard Drexler, Flora Ska und Andreas Kuzmits sind der neueste Schrei der Wiener Szene. I’m a Sloth (dt. Ich bin ein Faultier) legten nach 5 Jahren produktiven Müßigganges seit ihrem selbstveröffentlichten Debüt Satisfashion 2012, Ende Juli ihr neues Album Bosom vor, welches seit 20. Oktober auch auf limitiertem Vinyl erhältlich ist

Die Vorbilder des in klassischer Besetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug agierenden Grunge-Trios sind klar: Nirvana, Hole und weitere Helden der 90er, der Szene in Seattle, die auf laute, verzerrte Gitarren schwörten und ihre Lebenseinstellung in ihren nihilistischen Texten und ihrer damals neuartigen Mischung aus Punk und frühem Heavy Metal ausdrückten. I’m a Sloth befinden sich hierbei auf der punkbeeinflussten Seite des Grunge.

 

I’m a Sloth zelebieren in vielen Songs auf Bosom die dröhnende Riffseligkeit: Wie generell viele Grunge-Songs sind Songs wie Brainless Painless riffbasiert, laut und zerstörwütig.

In ruhigeren Teilen des Albums, wie in den Strophen des Songs Paul, wird klar dem schillernden Gitarrensound von Hole gehuldigt, wie er schon einige Songs des Debüts Satisfashion prägte.

Doch Bosom ist kein schlichter Abklatsch Nirvanas oder Holes – I’m a Sloth reichern ihre Soundvision noch mit eigenen Ideen und anderen Stilen an.

So wird der Opener Bloody Stupid Bio Machine in variierte Bluesform gegossen, mit Wechselspiel zwischen Verspieltheit und Blueshärte, bevor der Song grungeig davonjagt und mit dem Gitarrensolo eine Wendung ins Psychedelische nimmt.

I Lost my Sense of Time wechselt zwischen stockendem Country und rasantem Grunge, wie ein schlecht Traktor fahrender Farmer im Flannellhemd zwischen den Gängen. Viele Ideen die den Song im positiven Sinne fast sprengen.

Der Ideenreichtum des Album gipfelt in der Unterbringung eines Orgelparts im Intro von Sour Korova. Es ist aber vor allem auch der Wechselgesang von Drexler und Ska, der die Band von vielen anderen abhebt. Er bringt Leben in die Songs und wurde über die gesamte Albumlänge geschickt aufgeteilt. Die Stärken der beiden Vokalisten – die heruntergekühlt-lässigen Passagen Skas, und die clean-abgebrühten bis verzweiflungsschreienden Passagen Drexlers – kommen so voll zur Geltung und die Songs damit zur vollen Entfaltung.

 

Abwechslung beweist das Trio auch bei der Wahl der Sprache: Der, wenn auch einzige deutsche Song, Rockverbot, zeigt, dass der harte, kantige Klang der deutschen Sprache ebenfalls gut mit dem ungehobelten Grunge harmoniert. Den Vorwurf es nicht auf Deutsch probiert zu haben können I’m a Sloth also entkräften – man hat sich ganz bewusst für das Englische entschieden.

Zum Ausklang gibt es eine melodiöse Akustikballade I Used To Be So Cool, die humorvoll-ironisch von Klischee-Geschichten aus der verklungenen Jugend erzählt.

Mit Blick in die Vergangenheit den Grunge erfrischend und abwechslungsreich in die Gegenwart gebracht – das haben I’m a Sloth mit Bosom geschafft. Ein Album das den den räudigen Grunge ins eigene Wohnzimmer bringt – vorausgesetzt das Wohnzimmer ist dafür bereit; und ein Album, das nach vielen Hörgängen schreit.

[vinyl release: 20.10.17]

 

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