Interpol in der Open Air Arena Wien: Schattenbildnis der Sturmgötter

Der Abendhimmel dräute über der Open Air Arena. Die düsteren Interpol, die New Yorker Helden des Post Punk Revivals Anfang der Nullerjahre, in deren kühlem Schatten Bands wie die Editors und White Lies ihren Sound fanden, bevor sie damit ins Rampenlicht traten, sollten ihr wegweisendes Debüt Turn on the Bright Lights präsentieren. Viele Jahre und viele immer weniger zufriedenstellende Alben lang hatte man gewartet, gehofft, sich gesehnt, das Erstlingswerk wieder in voller Länge zu erleben. Zum 15-jährigen Jubiläum war es dann endlich soweit.

Der nachmittägliche Gewitterregen an diesem 10. August hatte die sengende Augustglut prompt gelöscht. Der Himmel blieb wolkenverhangen, was aber ohnehin besser zum Interpol Sound passte.

Begeisterung klang gegen halb zehn Uhr abends auf: Der rote Vorhang des Turn on the Bright Lights Album Covers wurde als Bühnenbild präsentiert. Er war vom schwarzen Bühnenrahmen umrissen, kühl beleuchteten die Scheinwerfer die leere Bühne, welche fünf schwarze schattenhafte Gestalten unter einem tosenden Sturm der Begeisterung betraten.

Original Bassist des Debüt Albums, Carlos Dengler, konnte für die Turn on the Bright Lights Tour nicht zurückgewonnen werden. Bis auf ihn traten Interpol also in Originalbsetzung auf, zudem ist live noch ein Keyboarder mit an Bord.

Die Gitarren im Opener Untitled unterkühlt wie am Album, das freie, lebendige Bassspiel sehr präsent, das Schlagzeug druckvoll, einzig Paul Banks einzigartige Stimme klang rau und angeschlagen – und das schon am zweiten Tag der Tour. Er wirkte sehr sympathisch, bedankte sich immer wieder mit seiner ebenfalls einzigartigen Sprechstimme beim Publikum: 2500 Fans waren zur Audienz bei den Post-Punk-Revival Göttern in die Arena gepilgert.

Auf das energievolle Obstacle 1, bei dem das Publikum voll in Fahrt kam, folgte NYC, dessen Gitarren-Crescendo in den Wiener Abendhimmel emporstieg. Interpol spielten sich fließend durch das Album – ein Highlight jagte das nächste.

Die schattenhaften, schwarzen Musikergestalten hatten keine Bewegung nötig, standen starr auf der Bühne und demonstrierten so, dass auch ohne Bewegung eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz möglich ist. Gänzlich in schwarz ist seit jeher auch Paul Banks Gitarre – alles stimmig und durchdacht.

Nach PDA und dem an die Smiths angelehnten, tanzbaren Say Hello to the Angels wurde es mit Hands Away wieder ruhiger. Die Songs untermauerten wie exzellent die Dramaturgie von Turn on the Bright Lights ist.

Die Songs Specialist, Song Seven, Precipitate aus der Zeit des Debüts werden – geht man nach dem ersten Konzert der Tour in Prag – auf der Tour wohl nicht oder nur kaum gespielt. Der Rest der Setlist sollte jedoch mit einem längeren Zugabenblock gefüllt werden, in dem eine Best-Of der restlichen Alben dargeboten wird.

Der Himmel verdüsterte und verfinsterte sich immer mehr. Der Wind blies stärker, der Donner rückte näher. Der Sturm des Gewitters überwölkte den stummer werdenden Begeisterungssturm des Publikums. Man ahnte Schlimmes.

Iggy Pop hatte 2013 in der Open Air Arena das Gewitter durchtobt und durchschrien. Und Interpol?

Stella was a Diver erklingt. Der erste Regen fällt jetzt auch über der Open Air Arena hernieder. Der Wind bläst noch stärker, der Donner schallt noch lauter. Nach rund sechs Minuten verklingt Stella was a Diver wieder. Paul Banks richtet sich an das Publikum und spricht von einem „brief moment“ den Interpol pausieren werden, die Sicherheit gehe laut Veranstalter vor. Der Sturm des Jubels wird prompt zum Sturm der Enttäuschung.

die schattenhaften Sturmgötter von Interpol

Klar, die Songs Roland, The New und Leif Erikson warten noch, sowie der Zugabenblock – einzig der Regen hatte nicht gewartet. Die Masse flieht wie eine Herde aufgeschreckter Schafe vom Feld in die warmen Ställe der Arena. Während ein paar übermütige schwarze Schafe vor der Bühne, befreit von ihren T-Shirts und offenbar auch befreit von jeglichem Herdenzwang, am Feld der Open Air Arena den gewagten Gewittertanz zelebrieren.

Warten. Weiter warten. Dann die Absage. Interpol, die Sturmgötter, hatten es offenbar heraufbeschworen. Alle Hoffnungen auf eine Fortsetzung des Konzerts waren im Regen zerflossen. Man trat den Heimweg an. Und wusste jetzt auch, dass im strömenden Regen keine Tränen trocknen. Das bis zum Abbruch hervorragende Konzerterlebnis wurde von den schwarzen Gewitterwolken getrübt. Vom zerflossenen Abend bleiben bloß durchtränktes Gewand und verregnete Fan-Herzen.

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