Peter Doherty – Hamburg Demonstrations

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„Sorry dad for every single good time that I had they made it look so bad / sorry mum for all the good things I’ve done gives you hope when there is none“

Der mittlerweile alters- wie heroingraue Peter Doherty entschuldigt sich in gewohnt zweideutiger Wortspielerei, pflegt wieder Kontakt zu seinem Vater und bastelt auf Hamburg Demonstrations in aufgeräumter Frische eine wunderbar zeitlose Klangcollage aus älterem und neuerem Songmaterial.

Es ist Dohertys authentischstes Album geworden. Daran hat Produzent Johann Scheerer maßgeblichen Anteil. Im Gegensatz zu den etwas überproduzierten Alben, dem Solo-Debüt Grace/Wastelands 2009, dem Babyshambles Sequel to the Prequel sowie dem Libertines Reunion Album Anthems for Doomed Youth war ihm eine unpolierte Intimität und Unperfektheit wichtig. Die Unperfektheit und Freiheit mit der Doherty in seiner typischen Art rustikal wie befreit mit der bloßen Hand in die klingenden Stahlsaiten der Akustikgitarre schrammt und schrammelt, imponierte Scheerer – er übertrug diese Attitüde auf die Produktion und das volle Bandgefüge.

Da kommt es auch nicht überraschend, dass das Album auf einem 8-Spur Rekorder aufgenommen wurde. Die vocals sind live takes, da Scheerer das Schneiden auf einem 8-Spur Gerät nie gelernt hatte. Auch beschränkte er die Auswahl der Musiker nicht auf bezahlte Studiomusiker, so spielt etwa die Bassistin der Band Boy Bass.

Und diese Musiker färben mit ihren jeweils individuellen Zugängen zu ihren Instrumenten das Album in einen zeitlosen Farbton. So sticht das Album stark aus der heutigen Masse an Musik heraus. Auch Dohertys Akustikgitarre wurde genug Raum gelassen, was das Setting sehr an die zeitlose Instrumentenvielfalt von Nick Drakes Five Leaves Left erinnern lässt. Klavier, Geige, Cello – einfach gute Abendschwelgemusik.

Neben der großartigen Produktion sind es auch die sicherlich stärksten Songs seit Jahren, wenn man bedenkt dass auf dem Solo-Debüt Grace/Wastelands viele Songs und schwächere Libertinesüberreste wie A Little Death Around the Eyes nur dank Instrumentierung funktionierten und auch dann oft dahinplätscherten.

Auf Hamburg Demonstrations wurde einzig Down for the Outing bei der Produktion meisterlich verhunzt. Produzent Johann Scheerer habe aus dem Songdemo einen vollkommen neuen Song gezimmert, meinte Armeeoffiziersohn Doherty stolz. Der grandios geschriebene Song marschiert nun in militärischer Monotonie und kommt leider nur schwer  vom Fleck. Die einstige Leichtigkeit und das Potential des Londoner Demos von 2012 samt Xylofon und Mundharmonika sind verloren.

Textlich ist Hell to Pay at the Gates of Heaven am politisch relevantesten und punktgenauesten seit Time for Heroes des Libertines-Debüts. Der zeitweise in Paris lebende Doherty schrieb den Song nach den Anschlägen im Bataclan. Come on you’ve got to choose your weapon / J45 or AK47? Gitarre oder Waffe also – die Gibson J45 Woody Guthries und John Lennons legendäre Friedens-Akustikgitarre.

Weiters streut Doherty wie gewohnt Referenzen an Dichter in Down for the Outing und an das amerikanische Bürgerkriegsslied When Johnny Comes Marching Home ein. Auch der verstorbenen Amy Winehouse wird in Flags from the Old Regime feinfühlig Tribut gezollt

In frühen Libertines Tagen zog sich Doherty immer wieder drogenumnebelt zurück und teilte grandiose Aufnahmen mit bloßer Akustikgitarre und Stimme über das Internet u.a. Shaking and Withdrawn. In offizieller Albumform wurde diese Essenz Dohertys Künstlertums noch nicht eingefangen. Bis auf das jetzige Hamburg Demonstrations.

Auch The Whole World is our Playground, dessen Strophen mit Tom Waits humpeln, entstammt der frühen Libertines Zeit und funktioniert mit der verrauchten Stimme sogar noch besser als damals. Ob die Stimme noch bis zum nächsten Album hält ist fraglich, doch ist Dohertys Talent unverwüstlich und man kann dankbar sein dass er sein Potential endlich ausschöpft und uns an dieser musikalischen Welt der Wunder teilhaben lässt.

[Release: 2.12.16]

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