bruecke – von gestern nach hier

Ein Jahrhundert nach der Gründung der deutschen Expressionismus-Künstlergruppe Brücke entwirft sich eine Wiener Indie-Rock-Band in deren Künstlergeist und überzeugt auf ihrem letztjährig erschienen Debütalbum von gestern nach hier mit ausdrucksstarken Klangfarben.

Bruecke werfen mit ihren Songs einen Blick hinunter in den tiefgründigen Tränenfluss der verflossenen Liebe und des dahingeronnen Lebens.

Und sehen sich laut Eigenaussage zwischen Wanda und Bilderbuch. Wo Bilderbuch auf der ersten Erfolgswelle mit ihrem Luxusliner schon längst auf und davon gezogen sind und Wanda sich lyrisch noch immer in seichteren Gewässern befinden – bieten bruecke in der Tat eine wohltuende Tiefgründigkeit.

Robert Walther (Gitarre, Synth&Programmierung, Piano), Rene Hartmann (Gesang, Gitarre), Thomas Hofer (Bass) und Georgi Tomov (Schlagzeug) spielen einen dunkelschönen Indie-Rock in deutscher Sprache; mal berauscht, mal voll brennender Sehnsucht, mal nachdenklich-melancholisch; immer bilderreich und erhaben.

Ihre Herangehensweise an die Liedkunst ist eine sehr ernste, was man ihren Liedern auch sofort anmerkt. Ein Sich-Nicht-Zufriedengeben mit halbgaren Texten in der Fremdsprache; ein Leben für die deutsche Sprache und den Schönklang; ein Streben nach dem Ausdruck – bruecke leben den Expressionismus.

Rene Hartmann skizzierte in einem Schaffensrausch die dreizehn Songs, Robert Walther malte sie mit seinen Gitarrenklangfarben sowie Piano und Synths aus. Auch zwölf-saitige Gitarre,  „e-bow“-Bogen zum Streichen über die Gitarrensaiten und Anhalten der Noten, kommen zum Einsatz.

Ernst Ludwig Kirchner: Sitzende Dame (Dodo), 1907, eine Bruecke-Hörerin?

Sorgsam werden einige New Wave und Post-Punk Einflüsse in ihre Songs verwoben, ein Synthesizer hier; ein Gitarrenmotiv, kühl, dunkel und leer wie ein brotloser Künstlerkühlschrank aus den 80ern, da.

In Du trägst dein Schwarz ist sogar Platz für ein Jazzarrangement mit Gastmusiker Alexander Wladigeroff am Flügelhorn.

Mit dieser musikalischen Reife in Instrumentierung und Arrangements überzeugt das Album vollends. Die Gesangsmelodien könnten jedoch – auch wenn bruecke keine superohrwurmigen Gassenhauer komponieren wollen oder sollen – gerne etwas zwingender sein.

In Dopamin etwa sausen und brausen die Instrumente ungezügelt los, die Gesangsmelodie in den Strophen nimmt dem Song aber sein Momentum und sein Rauschglück, der Song legt melodiös erst im Finale richtig los.

Geht man aber nach der zwingendsten und malerischsten Melodie des Albums – Ich Schrieb an dein Herz, die sich rastlos in tausende Indie-Herzen schreibt, so darf man sich von der Band noch Großes erwarten. Das beweisen auch Songs wie Wären wir nicht hier oder Schlaf Gut, der es nicht aufs Album schaffte. Gefühlsdurchdrungen, inbrünstig und erhaben singt sie Sänger René Hartmann.

Was bleibt ist dass bruecke ein facettenreiches Album geschaffen haben, aus dem eine wahre künstlerische Vision spricht und den Hörer in eine dichterische, tiefgründige Welt zieht. Eine Welt von Begegnungen im Jahrhundertregen, vom Liegen im Spätsommergras und von Engeln im Schnee die ihr Sein vergessen …wer diese Welt geduldig ergründet, wird in ihr so manche dunkel glänzende Liedperle finden.

[release: 30.10.17]

 

Kommentar verfassen