Weihnachtliches Winterschuhstarren – Snoww Crystal im Rhiz

Die letzten fünf Jahre bilden wohl die Epoche, in der alle Träumer des Dream Pop und Shoegaze aus ihrem langen Schlaf erwachen und aufstehen, um traumtrunken und benommen auf ihre Schuhe zu starren. Slowdive und Ride brachten beide heuer ihre Reunion-Alben heraus, My Bloody Valentine und Swervedriver waren schon 2013 und 2015 erwacht.

Snoww Crystal, um den auch anderweitig, u.a. als Mastermind des Avantgarde-Trios Radian, bekannten, John Norman, gibt es seit 2012. Vor einem Publikum erwachten sie erstmals im März 2013 im Rhiz, und mit ihrem erst sechsten Konzert  schon – im grellen Bühnenlicht der Arena Wien – als Vorband von Genre-Pionieren My Bloody Valentine.

Snoww Crystal treffen also den Zeitgeist. Sie bespielten 2013 das Popfest, veröffentlichten Anfang 2014 ihre erste Vinyl-Single One Sided / Nothing is Real, experimentierten mit ihren Effektpedalen, stimmten ihre Jazzmaster-Gitarren nach und lockerten gelegentlich auch die Genickstarre.

Und so treten sie auch an diesem Abend des zwölften Dezembers im Rhiz –diesmal mit der Vorband The Infinite Seas aus Los Angeles –mit gesenktem Blick in die großen Schuhstapfen My Bloody Valentines.

Das weihnachtliche Rhiz am Wiener Gürtel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer tanzbaren Mischung aus Dream Pop und Electronica inkl. einem Cure-Cover als Setcloser der Infinite Seas aus Los Angeles waren kurz nach 23 Uhr Snoww Crystal an der Reihe. Zunächst brachten einige Bandmitglieder eine stimmige weihnachtliche Lichterdeko an der kleinen, feinen Bühne des Rhiz an. Dann trat auch das letzte Bandmitglied Snoww Crystals aus dem dichten Dunkel der Raumversunkenheit ins lichte Funkeln der Traumtrunkenheit. Ein letzter prüfender Blick auf die Effektpedale – und schon brausten und sausten ihre Gitarren und Instrumente. aus den Verstärkern los – verwaschen, ätherisch und transzendent.

besinnliches Winterschuhstarren

 

Auch live sind die beiden Stimmen von John und Just leise abgemischt, sind daunenweich in die übernatürliche Klangwoge eingebettet. Sie dienen genretypisch als reines Melodieinstrument – der Text ist hier nebensächlich.

Auffällig an den Songs Snoww Crystals ist sofort die schier unendliche Fülle an Ideen und Shoegaze-Stilmitteln, die sie ihren Instrumenten entlocken, die sie in mal noisiger und aggressivere, mal träumerische und besinnlichere Songs packen.

John Norman, der Winterschuhstarrer

Es ist eine stark bilder-evozierende Musik – selbst Schlagzeuger Steve schafft es mit seinem umsichtigen Beckeneinsatz den Songs eine bildliche –  mal weihnachtsglockenhelle, mal rauschende – Qualität zu geben. Mit der zweiten Hälfte des Sets nimmt die Songlawine Fahrt auf. Der erste bereits offiziell releaste Song Nothing is Real klingt an – der zweite Song von der 2014er Single.

Er ist in seiner Grundidee, der immer abrupt durchblitzenden Gitarren, stark vom Slowdive-Song Souvlaki Space Station beeinflusst. Traumversunken und weit wie der dämmernde Horizont.

Dann kündigt John Norman den für das Konzert versprochenen neuen Song an. Er ergreift den Tremolo-Arm seiner Gitarre und bringt mit ihm bei gleichzeitigem Anschlagen der Gitarrensaiten im Stile des My Bloody Valentine Masterminds Kevin Shields die Gitarrenwand zum Wabern. Trotzdem ist man auch hier weit vom bloßen Kopistentum entfernt.

Denn Snoww Crystal haben den Anspruch mit all den vielen Shoegaze-Stilmitteln ihre ganz eigene Klangwelt zu bauen – experimentieren während ihres Sets unter anderem mit Drones, flirrenden Effekten, blizzarddichter Gitarrenschrammlerei.

Schneesängerin Just

Und die Lawine gewinnt immer mehr an Fahrt. Während John und Just eher ans Mikrofon gebunden sind, bringen der zweite Gitarrist und die Bassistin durch traumtanzen immer wieder Bewegung in die Bühnenpräsenz. Im Song So Many Things gipfelt dies: die Band klingt tanzbar, was live gut funktioniert und in einem kollektiven Mitwippen des Publikums resultiert. In Your Room schwebt danach mit kühlem Bilinda-Butchereskem Gesang schwelgerisch durch die magische Shoegaze-Sphäre.

Das Publikum am Fuße des Berges blickt ein letztes Mal gebannt und ehrfurchtsvoll auf das Spektakel, während die Songlawine ihren letzten Lauf nimmt.

 

Die Single One Sided schließt wie immer das Set. Die einseitige Liebe wird hier himmelstrebend besungen. Ihre kompromisslos nach vorne preschenden Gitarren  und das simple, treibende Schlagzeug erinnern hier an die Drop Nineteens. Die Schneelawine Snoww Crystals gewinnt immer mehr an Fahrt, wird immer größer und rollt über die Hörer hinweg. Das Publikum war von der Woge überwältigt. Die Band lockerte ein letztes Mal die Genickstarre, verließ die Bühne erhobenen Hauptes, ihr Blick in eine schneeglänzende Zukunft gerichtet.

 

 

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